Die Rolle von Vertrauen beim Investieren

Ein Gespräch zwischen Adrian Bührer und Nathaly Bachmann.

Die Unternehmerin und Wirtschaftspsychologin ist kürzlich dem Advisory Board von Übermorgen beigetreten und ist bei uns investiert. Sie interessiert sich für komplexe Fragestellungen und Menschen, die sich den Herausforderungen unserer Zeit aktiv stellen.

Mehr: https://www.nathalybachmann.ch/

Bild: Mirjam Kluka

Adrian: Nathaly, was hat dir das Vertrauen gegeben, in Übermorgen Ventures zu investieren – war das eher Analyse oder Bauchgefühl?

Eure Reputation, auch die der Gründer. Eure Bescheidenheit. Eure Ehrlichkeit. Und auch Reflexionskraft. Ich bin ein analytischer Mensch, ich liebe Zahlen und habe selbstverständlich diesen Deep-Dive vorgenommen. Die Fragen daraus konnte ich in mehreren Treffen mit euch klären. Eure Antworten bestärkten mein Bauchgefühl, mit einem Investment in euch den richtigen Schritt zu tun. Für mich braucht es beides. Doch, Zahlen, Analysen oder Slides können noch so gut sein: Wenn das Bauchgefühl nicht stimmt, investiere ich nicht.

Adrian: Woran merkst du konkret, ob du einem Team vertrauen kannst?

An der Klarheit und Konsistenz ihrer Aussagen. An ihrem aktiven Zuhören. Am Interesse an kritischen Fragen. An der Konvergenz zwischen Wissen, Sagen und Tun. Dass aus einer Zukunftsvision Handlung folgen kann.

Adrian: Wie entwickelst du dieses Bauchgefühl – und kann man sich davor schützen, auf gutes Storytelling hereinzufallen?

Indem man erstmals sich selbst sehr gut kennt und diese innere Stimme überhaupt wahrnimmt, sich selbst vertraut. Indem man sich vor zu viel „Lärm“ um sich schützt. Man sollte News heute sehr bewusst und nur Medien mit einer grossen Einordnungskraft konsumieren. Und es benötigt eine Portion Demut. Zu akzeptieren, dass die Ratio nicht alles erfassen kann und man auch andere Informationsquellen wie Intuition und Erfahrung zulässt. Erst so gelingt es, Geschichte und Inhalt klar voneinander zu unterscheiden. Erst so erkennt man, ob Branding und Marketing einen blenden oder ob dahinter tatsächlich eine wahrhaftige Lösung steckt. 

Adrian: Glaubst du, dass echtes Vertrauen heute seltener wird, gerade in einer Welt, in der auf LinkedIn alle perfekt wirken?

Ich meine, das ist heute nicht viel anders als früher. Gegenwärtig sind es Politiker, denen viele Menschen weltweit nicht über den Weg trauen, in früheren Zeiten waren es die Könige. Aufgrund von Social Media und der unmittelbaren Kommunikation sind wir jedoch konstant über Konflikte informiert. Das kann den Eindruck stärken, es gebe mehr Krisen und weniger Vertrauen. Tatsächlich vervielfachen sich aber die Worte, die Visibilität der Ereignisse. Dadurch sind wir heute alle gezwungen, viel mehr und häufiger Vertrauen zu beweisen. Vertrauen zu erkämpfen. 

Vertrauen braucht Zeit. Eigentlich ist für mich die zentrale Frage, ob wir uns heute die Zeit geben, Vertrauen überhaupt aufzubauen. Und geben wir uns Zeit zum Zweifeln? Auch das braucht es. Das Aushalten von kritischen Fragen, das Eingestehen von Fehlern. Gerade im Umfeld von Lösungen fürs Klima. Hier gilt es immer Differenzen auszuhalten, da wir nicht alles auf einmal lösen können.

Adrian: Welche Rolle spielen Ehrlichkeit und Authentizität für dich bei Gründer:innen?

Ehrlichkeit ist für mich ein essenzieller Bestandteil in einer Investor- und Gründerbeziehung. Ich will keinen Sales Pitch hören. Ich will die „Painpoints“ offen kommuniziert erhalten. Und ich will eine ebenso ehrliche Einschätzung, wie diese Herausforderungen angegangen werden. Ich will eine Reife spüren. Eine Reife im Umgang mit dem, was noch nicht perfekt ist und wie man alles daransetzt, eine echte, marktfähige Lösung zu erarbeiten. Ein „Rumgeeiere“ macht mich „stiggelisinnig“. Und ich werde nervös, wenn ich merke, dass jemand nicht ehrlich ist. Ich stelle noch kritischere Fragen und werde noch hartnäckiger. 

Nathaly: Wie entscheidet ihr, welchen Startups ihr vertraut?

Vertrauen ist natürlich auch ein Prozess, der sich über die Zeit entwickelt. Im Vorfeld eines Investments sehen wir, wie das Team antwortet, wie es in Calls zusammen spielt und wie die Antworten ausgestaltet sind. Aus den Unterlagen sehen wir, wie glaubwürdig die Annahmen sind, aus unserem eigenen Research können wir hier abschätzen, ob die Aussagen fundiert sind. Mit Reference Calls sehen wir auch noch, was Kunden, Investoren und Partner sagen. Schlussendlich bleibt aber vieles auch Bauchgefühl, aber da wir alle fünf jeweils mit dem Team sprechen, können wir uns hier austauschen und eine gemeinsame Sichtweise entwickeln. Einmal investiert sieht man dann in der Zusammenarbeit sehr bald ob es eine Vertrauensgrundlage gibt und es sich hier lohnt weiter zu investieren.

Nathaly: Welche Rolle spielt Bauchgefühl bei euch im Investmentprozess?

Wir sprechen immer alle mit dem Team und entwickeln so ein “kollektives Bauchgefühl”. Wenn jemand hier Zweifel hat, wird das angesprochen und evtl. die sogenannte “Team-Flag” genannt. D.h. es gibt nochmals ein Call / Treffen wo wir explizit versuchen, auf diese Themen einzugehen.

Nathaly: Was passiert, wenn Bauchgefühl und Daten nicht zusammenpassen?

Eine gute Frage: Wenn der Case super ist, aber das Bauchgefühl nicht stimmt, sagen wir ab. Aber hier gibt es natürlich Grenzfälle, vor allem weil das Bauchgefühl ja auch falsch sein kann, oder der Track Record / die Referenzcalls etwas anderes aussagen, als wir denken. Da hilft nur diskutieren, nachfragen, mehr Informationen einzuholen und dann halt im Zweifelsfall schweren Herzens abzusagen.

Nathaly: Wie hat sich die Qualität und Teams entwickelt – über die letzten 25 Jahre?

Alle sind viel professioneller geworden. Der VC Markt ist reifer geworden und die Teams, die hier pitchen auch. Wir sehen oft eine sehr hohe Qualität und starke Teams. Ein Startup zu gründen, gerade mit einem “Purpose” zieht mittlerweile enorm fähige Talente an, die früher vielleicht zu Morgan Stanley oder Novartis gegangen wären.

Nathaly: Wie nutzt ihr Reference Calls oder Backchannels, um ein ehrliches Bild zu bekommen?

Wir machen regelmässig Reference Calls und nutzen alle Backchannels die wir haben um uns ein möglichst gutes Bild zu machen.

Nathaly: Was sind für euch klare Red Flags, bei denen Vertrauen sofort weg ist?

Lügen oder sich in Widersprüchen zu verwickeln. Oder aber auch wenn wir sehen, dass das Team einfach nicht gut ist und von Annahmen ausgehen, wo wir bereits gut wissen, dass das so überhaupt nicht funktionieren wird. Auch bei gewissen Konstellationen auf dem Cap Table werden wir misstrauisch.

Nathaly: Wie tief geht eure Due Diligence in frühen Phasen wirklich?

So tief wie möglich. Alles was wir sehen können, schauen wir uns natürlich auch an und schreiben ein Memo zu jedem Case in den wir investieren möchten mit allen kritischen Fragen. Das sind dann oft zig Mails und 3-10 Telefonate / Treffen mit dem Team sowie die erwähnten Reference Calls bis wir uns eine Meinung bilden können.

Nathaly: Wie trefft ihr Entscheidungen, wenn ihr euch unsicher seid?

Dann sagen wir ab. If it’s not hell yeah!, it’s no. Entscheidungen müssen bei uns einstimmig sein und wenn zuviel Unsicherheit da ist, übernimmt immer einer den Part des Advocatus Diaboli und sagt: “Komm, sagen wir ab.”

Adrian: Du hast Vertrauen in Politik und Wissenschaft angesprochen – wie nimmst du das aktuell wahr, gerade beim Thema Klima?

Gemäss dem diesjährigen Chancenbarometer geniessen politische Institutionen in der Schweiz erstaunlicherweise ein hohes Vertrauen, ebenso das Parlament. Dem Bundesrat vertraut man etwas weniger – aber auch dieses Vertrauen ist immer noch gross. Der leichte Unterschied mag an der hohen Kadenz der Krisen in den letzten Jahren liegen und der ab und an vermissten kommunikativen Einordnung und des Leaderships.

Das globale Vertrauen in die Politik hingegen ist weltweit erschreckend tief. Das Niveau liegt gemäss OECD im Schnitt bei 39%, in der Schweiz bei 80%. Polarisierung, sich „nicht gehört fühlen“ und Desinformation sind für diese Entwicklungen verantwortlich. Und das führt uns direkt zum Thema Wissenschaft und Klima. Ich fand dazu die Diskussion und die Ereignisse rund um den gestrandeten Buckelwal in der Ostsee augenscheinlich. Experten, die sich tatsächlich auskennen, die sich engagiert mit anderen Wissenschaftlern auf der ganzen Welt austauschen, um deren Erfahrung mit spektakulären Walrettungsaktionen abzugreifen, diese Experten wurden an den Rand gedrängt. Die öffentliche Debatte ist stark polarisierend und Verschwörungstheorien werden laut. Solche Narrative stellen etablierte Institutionen als unglaubwürdig dar. Und solche Narrative finden über soziale Medien eine enorme Verbreitung. Anstelle über echte Lösungen – wie Massnahmen gegen die Überfischung oder Fangnetze (die ganze Lebensräume zerstören) – zu sprechen, wird nun versucht ein Tier zu retten, was womöglich doch keine Überlebenschancen hat. 

Adrian: Die Wissenschaft ist sich in Klimafragen weitgehend einig, aber politisch passiert oft weniger als nötig – woran liegt das aus deiner Sicht?

Die Politik macht Klientelbewirtschaftung. Politiker wollen vom Volk, den Bürgerinnen und Bürgern, wiedergewählt werden. Dem Menschen per se widerstrebt Veränderung. Menschen bevorzugen Sicherheit, Stabilität und Vorhersehbarkeit. Ich gewinne keine Wahlen, wenn ich von meinen Wählerinnen und Wählern ein Umkrempeln ihres Lebensstils fordere. Da würden sie sich bedroht fühlen und Verlustängste spüren. Wähler:innen wenden sich ab. Als Wirtschaftspsychologin bin ich überzeugt, dass wir das Verhalten der Menschen nur schwer ändern können. Wir brauchen deshalb neue, fundamentale Technologien und Produkte, die im Markt bestehen. Und wir brauchen ganz grundsätzlich wieder einen anderen Bezug zur Natur. Diesen kann uns aber nicht die Politik per se liefern. Blicken wir weit zurück und betrachten, welches Zusammenspiel Urvölker mit der Natur lebten und leben, sehen wir, dass die Natur im Zentrum steht. Jede Pflanze und jedes Wesen hat seinen heiligen Kern. Heute haben wir hier das Gefühl, wir stünden über allem und hätten alles unter Kontrolle, auch die Natur. Wir machen uns die Erde zunutze. Wir müssen der Natur mehr Raum in unserem Leben geben. Wir sind Teil der Umwelt und die Umwelt ist Teil von uns. Doch wie wir das lösen, ist eher eine spirituelle Frage als eine wirtschaftliche oder eben politische. 

Adrian: Verlieren Menschen das Vertrauen, weil Politiker nicht ehrlich sagen, was wirklich notwendig wäre?

Das kann ein Punkt sein, das Thema Transparenz. Hauptsächlich haben Menschen jedoch oft das Gefühl, keine politische Stimme und kein politisches Gewicht zu haben. Wer sich politisch nicht gehört fühlt, vertraut der Politik auch weniger. Wirtschaftliche Unsicherheit oder, wie ich oben bereits erwähnte, Desinformation sind weitere wichtige Treiber dieser Entwicklung. 

Adrian: Ist das ein Kommunikationsproblem – oder fehlt schlicht der politische Mut?

Es fehlt die Zu-Mutung. Dass Politiker den Wählerinnen und Wählern die echte Realität zumuten. Wie wir jährlich im Chancenbarometer sehen können, sehen Schweizer:innen auch in den grössten Herausforderungen Chancen. Wollen wir in ein Handeln kommen, muss die Politik das Chancenpotenzial aktivieren und ansprechen. Gerade auch in Bezug auf das Klima.

Adrian: Demokratie braucht Zeit und Kompromisse – steht das im Widerspruch zur Dringlichkeit der Klimakrise?

Demokratie steht vor allem im Widerspruch mit der heutigen Zeit. Demokratie fällt aus der Zeit. Denn Demokratie verlangt eben Zeit und das Aushandeln von Positionen. Wir bringen diese Geduld oft nicht mehr auf. Wollen wir doch innert Sekunden eine geschliffene Antwort von ChatGPT. Lösungen gegen den Klimawandel müssen von der Mehrheit getragen und umgesetzt werden. Deshalb ist Demokratie in meinen Augen die absolut richtige Staatsform dafür. Dass die Bevölkerung eben auch die partizipative Chance hat, sich einzubringen und mitzudiskutieren. Fragen zu stellen. Nachhaltige Lösungen sind immer auch ein Kompromiss, wo wir Kosten gegeneinander abwägen müssen. Eine mündige Bevölkerung und somit das demokratische System schaffen die Voraussetzung dafür, dass mit solchen Kompromissen umgegangen werden kann.

Adrian: Was würde es brauchen, damit Vertrauen in politische Entscheidungen wieder wächst?

Wir leben im Zeitalter des Informationsüberflusses, was unweigerlich zu einer Orientierungslosigkeit führt. Dadurch geraten wir immer mehr in eine spezifische Art kollektiver Angst. Dieses Klima der Angst ist zerstörerisch. Angst lässt Dinge unvermeidlich erscheinen und schränkt unsere Vorstellungskraft ein. Und wir verlieren Vertrauen. Ganz grundsätzlich, nicht nur in die Politik. Eben auch in die Wissenschaft. Wir brauchen eine starke Wissenschaft, gerade für Fragen wie wir dem Klimawandel begegnen. Die Wissenschaft jedoch ist auch nicht perfekt, sie ist unvollkommen, sie entwickelt sich ständig weiter. Wissenschaft kann Unsicherheit nicht komplett beseitigen, nur reduzieren. In einer Epoche der Angst aber verlangt der Mensch nach absoluter Sicherheit. Wir brauchen deshalb Entscheidungsträger, die uns helfen, mit dieser Unsicherheit umgehen zu können. Die Rollenvorbilder sind und Unsicherheit zulassen. Die Fehler benennen, sich ihnen stellen und überwinden. Die glaubwürdig Zuversicht schenken. Und ebenso zeigen, dass Zweifeln kein Störfaktor ist. Es ist ein Zeichen von Verantwortung. 

Adrian: Und ganz konkret: Erwartest du von Führungspersonen heute mehr Ehrlichkeit – auch wenn die Botschaft unangenehm ist?

Ich erwarte, dass Entscheidungsträger den Menschen zumuten, mit Herausforderungen umgehen zu können und transparent kommunizieren. Ich erwarte von Führungspersönlichkeiten, dass sie sich nicht der Verzweiflung hingeben und weitere Ängste schüren und damit genau den Raum aufgeben, in dem Freiheit gedeiht: den offenen Raum der Ungewissheit, wo Handeln, Reflexion und Revision aufeinandertreffen.

Ich erwarte gleichzeitig von uns allen, dass wir eine Informationskompetenz entwickeln, die Kompetenz, Informationen richtig einordnen zu können. Ich erwarte von uns allen, dass wir bereit sind Vertrauen zu schenken – auch wenn nicht jeder Zweifel beseitigt werden kann. 

Nathaly: Wie engagiert ihr euch für bessere Rahmenbedingungen, damit nachhaltige Lösungen mehrheitsfähig werden?

Wir engagieren uns wo wir können. Adrian war Mitgründer des Vereins Klimaschutz, welcher via die Gletscherinitiative das aktuell gültige Klimagesetz in der Schweiz sehr stark mitgeprägt hat. Zudem sind wir Mitglied des Verbands “Swisscleantech” und der Zürcher Handelskammer. Wo wir können, versuchen wir auf Vorträgen oder in Gastbeiträgen auf das Thema aufmerksam zu machen. Es braucht in der Schweiz und in Europa eine verlässliche Politik, welche klare Rahmenbedingungen schafft, damit die Wirtschaft weiss, dass wir vom Ziel einer Netto-Null-Gesellschaft nicht abweichen und sich Investitionen in Geschäftsmodelle, welche dieses Ziel unterstützen, lohnen. Schlussendlich braucht es einen Preis auf Emissionen, die der Gesellschaft und der Natur schaden. Denn die Kosten, die so entstehen, sind um ein Vielfaches höher, als wenn wir die Emissionen vermeiden würden.



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