Für eine starke, resiliente und zukunftsfähige Schweiz
März 2026
Von Adrian Bührer
Für die Schweiz und ganz Europa hat eine Zeitenwende begonnen, deren Auswirkungen sich nur schwer abschätzen lassen. So viel ist klar: Die Zeiten des gemütlichen Wohlstands unter der warmen Decke eines amerikanischen Verteidigungsbündnisses und einer globalen, durch internationale Organisationen und Verträge gestützten und vom Westen geprägten Weltordnung sind vorbei.
Auch wenn die Schweiz weder in der EU noch in der NATO Mitglied ist, so hat sie sich doch über Jahrzehnte in diesem Umfeld bestens entwickeln können und von der Sicherheit und den stabilen, globalen Handelsbeziehungen enorm profitiert.
Diese Weltordnung ist ins Wanken geraten. Nicht nur, weil der wichtigste Partner Europas und die tragende Säule des „Westens“, die Vereinigten Staaten von Amerika, zu einem unzuverlässigen, im schlimmsten Fall sogar feindlichen Gegenüber geworden sind, sondern auch, weil die Abhängigkeiten von Russland (Gas, Öl, Atom) und China (insbesondere seltene Erden, PV-Komponenten, EV-Batterien etc.) offenkundig und untragbar geworden sind.
Zudem haben technologische Entwicklungen, wie zum Beispiel das „Wettrüsten“ im Bereich Künstliche Intelligenz, sichtbar gemacht, wie weit wir hinter den Grossmächten zurückliegen und welche enormen Herausforderungen auf uns zukommen werden, wenn sich die Produktivitätsgewinne der Zukunft zunehmend in den Händen weniger Aktionäre manifestieren, statt in den Löhnen der Arbeitnehmer.
Über all dem schwebt die Klimakrise, welche sich leider nicht verlangsamt. Dürren, Starkniederschläge, Ernteausfälle und andere extreme Wetterereignisse werden zu steigender Inflation, gerade bei den Nahrungsmitteln, und noch stärkerer Migration von Süden nach Norden führen. Dies wird wiederum den bereits erstarkten Rechtspopulisten weiteren Auftrieb verleihen und eine zielführende Politik weiter erschweren.
Die Welt ist in einem radikalen Wandel und es stellt sich die Frage: Wie positioniert sich Europa? Wie positioniert sich die Schweiz? Damit wir nicht zu den Verlierern gehören, sondern diese Entwicklungen mitprägen und davon sogar profitieren können.
Die Zukunft antizipieren und entsprechend beherzt handeln
„I skate to where the puck is going to be, not where it has been.“
— Wayne Gretzky
Zuerst lohnt es sich, sich die Stärken der Schweiz vor Augen zu halten. Ein international einzigartiger Innovationsstandort mit Weltklasse-Hochschulen, starken KMUs, die in vielen (oft technischen) Bereichen Weltmarktführer sind, und multinationalen Grossunternehmen in den Bereichen Pharma, Banking, Uhren, Rohstoffhandel, Nahrungsmittel, Logistik und (hochpräziser) Maschinenbau. Eine weltweit rekordtiefe Verschuldung, eine starke Währung und eine relativ moderate Steuerbelastung für die Bevölkerung. Eine unabhängige Nationalbank. Ein stabiler Staatsapparat mit hoher politischer Partizipation der Bevölkerung und funktionierenden Strukturen. Ein gutes Gesundheitswesen und relativ gut integrierte ausländische Arbeitskräfte und Immigranten. Die Schweiz steht im internationalen Vergleich in fast allen Kategorien gut da und verfügt über ein sehr solides und breit abgestütztes Fundament für ihren Erfolg.
Die Schweiz ist wie nur wenige andere eine Gewinnerin der Globalisierung und hat es geschafft, sich in globalen Lieferketten und Schlüsselindustrien unverzichtbar zu machen.
Doch nun steht ein Zeitenwandel an. Sind wir dafür gewappnet und, wenn nein, was müssen wir tun, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein? Eine Zukunft, in der Krieg nicht mehr ausgeschlossen werden kann, in der man nicht mehr auf den Schutz von Amerika vertrauen kann? Eine Zukunft, in der die globalen Handelsstrukturen wieder nationalisiert werden und die von einem Wettbewerb um Ressourcen (wie Wasser, seltene Erden) und Compute (wie AI, Chips und Roboter) geprägt sein wird?
Wir glauben, dass diese Zukunft, die einem durchaus Sorge bereiten kann, eine enorme Chance für die Schweiz und auch für Europa sein könnte.
Denn in diesem neuen globalen Gefüge sollte die Schweiz ihre Rolle im Herzen Europas neu definieren: nicht als Anhängsel der EU, sondern als hochspezialisierter Taktgeber im Bereich Wissenschaft, Deep Tech oder Finanzierung. Souveränität und Kooperation müssen kein Widerspruch sein. Durch die volle Assoziierung an Horizon Europe bringen wir unsere Forschungsexzellenz auf europäische Ebene. Weitere – auch nicht europäische – Länder können und werden folgen. Kanada, Japan, Südkorea, Neuseeland – hier teilt man wissenschaftliche Grundsätze, den Glauben an Bildung ohne ideologische Schranken und kann weltweit eine führende Position einnehmen. Ob bei der Grenzsicherheit via Schengen oder der Stabilisierung des Stromnetzes durch ein Stromabkommen: Die Schweiz leistet bereits jetzt einen unverzichtbaren Beitrag zur europäischen Resilienz. Indem wir europäische Standards mit Schweizer Präzision und liberalem Geist bereichern, helfen wir dem „alten Kontinent“, im Wettbewerb mit den USA und China wieder zu einem Schwergewicht der Innovation zu werden. Die Schweiz sollte hier vorangehen und nicht nur mitmachen, sondern aktiv gestalten.
Von Risiko zu Rendite: Climate & Resilience als strategische Chance für die Schweizer Wirtschaft und Europa
Um von den aktuellen und künftigen Ereignissen und globalen Verschiebungen zu profitieren, braucht die Schweiz einen Plan, um ihre Stärken auszubauen und dort, wo man potenziell Schwächen hat, zu investieren. Folgende strategische Pfeiler für eine resiliente Schweiz könnten die Basis dieses Plans bilden:
Energie: Dekarbonisierung als ökonomischer Schutzwall
Die Energiefrage ist die Schicksalsfrage unserer Souveränität. Wir müssen die Dekarbonisierung als das grösste Infrastrukturprogramm seit dem Bau der NEAT begreifen. Es geht nicht nur darum, fossile Brennstoffe zu ersetzen, um CO2-Ziele zu erreichen, sondern auch um Souveränität und um die Vermeidung massiver künftiger Schadenskosten. Durch den Umstieg auf einheimische, erneuerbare Energien beendet die Schweiz ihre Abhängigkeit von ausländischen fossilen Brennstoffen und gewinnt so massiv an politischer und energetischer Handlungsfreiheit zurück. Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Wertschöpfung im Land, was die Krisenresistenz stärkt und die Schweiz als technologisch führenden, souveränen Akteur positioniert.
Durch den Ausbau von Photovoltaik (insbesondere in den Alpen für Winterstrom), die Flexibilisierung der Wasserkraft und die Integration von Energie-Speichertechnologien schaffen wir ein dezentrales System, das gegen geopolitische Erpressung immun ist. Auch Atomanlagen spielen hier eine Rolle. Bestehende Kraftwerke wie auch neue Technologien wie z. B. Small Modular Reactors (SMR), Kernfusion oder Flüssigsalzreaktoren helfen das Netz zu stabilisieren.
Compute & Robotics: KI im Dienste der Menschen und des Planeten
Während die USA und China um die Vorherrschaft bei genereller KI kämpfen, muss die Schweiz die „Deep Tech“-Souveränität anstreben. Unser heimisches LLM Apertus darf kein Nischenprodukt bleiben; es muss mit der massiven Rechenpower des „Alps“-Supercomputers im CSCS als Rückgrat für die Industrie ausgebaut werden. Eine grosse Chance liegt auch in der Climate-AI: Algorithmen, die Stromnetze in Millisekunden optimieren, autonome Roboter, die in der Landwirtschaft Pestizide durch punktgenaue Unkrautvernichtung ersetzen, oder hochpräzise Klimamodelle, die lokale Dürren vorhersagen.
Lieferketten: Adaption an eine instabile Welt
Die Klimakrise ist ein Multiplikator für Instabilität. Wenn der Rhein aufgrund von Dürre nicht mehr schiffbar ist oder Ernten im globalen Süden kollabieren, bricht unser „Just-in-Time“-Modell zusammen. Resilienz bedeutet hier den Übergang zu „Just-in-Case“. Wir müssen die Logistik klimafest machen (z. B. durch Verlagerung auf die Schiene und diversifizierte Korridore) und das „Friend-shoring“ mit Partnern forcieren, die nicht nur politisch, sondern auch ökologisch stabil sind. Eine Schweiz, die ihre Lieferketten transparent und CO2-arm gestaltet, antizipiert nicht nur künftige EU-Regulierungen, sondern schützt sich vor den Preisschocks einer volatilen Welt.
Rohstoffe und Materialien: Die Schweiz als Circular Hub
Wir müssen den Begriff „Rohstoffland“ neu definieren. Unsere Minen liegen in den Städten und Industriegebieten. Die radikale Kreislaufwirtschaft ist die einzige Antwort auf die zunehmende Instrumentalisierung von Ressourcen durch Grossmächte. Indem wir Verfahren entwickeln, um seltene Metalle aus ausgedienten Solarpanels und E-Auto-Batterien zurückzugewinnen, senken wir unseren ökologischen Fussabdruck und reduzieren die Abhängigkeit von China. Das Ziel: Ein geschlossener Materialkreislauf, der die Schweiz zum globalen Vorbild für Ressourcen-Souveränität macht.
Wasser-Management: Der Schutz des europäischen Wasserschlosses
Wasser wird das „blaue Gold“ des 21. Jahrhunderts. Als Wasserschloss Europas trägt die Schweiz eine enorme Verantwortung – und ein enormes Risiko. Schmelzende Gletscher und veränderte Niederschlagsmuster bedrohen unsere Stromproduktion und Landwirtschaft. Wir müssen in eine klimaresiliente Wasserinfrastruktur investieren: intelligente Speichersysteme, die Trinkwasser, Bewässerung und Energieproduktion harmonisieren. Wer das Wasser beherrscht und effizient nutzt, sichert den sozialen Frieden und die wirtschaftliche Basis, während um uns herum Verteilungskämpfe zunehmen werden.
Carbon Removal: Die Schweiz als Herz der neuen Kohlenstoff-Wirtschaft
Die Transformation von „Carbon als Abfall“ zu „Carbon als Rohstoff“. Die Schweiz ist bereits heute Geburtsstätte weltweit führender Dekarbonisierungs-Unternehmen. Durch die Kombination aus Engineering-Exzellenz und einem vertrauenswürdigen Finanzplatz kann die Schweiz den Goldstandard für hochwertige Carbon Credits setzen. Wir sollten nicht nur die Hardware-Technologien exportieren, sondern die gesamte Zertifizierungsinfrastruktur für negative Emissionen. In einer Welt, die Netto-Null erreichen muss, ist die Fähigkeit, CO2 sicher aus der Atmosphäre zu entfernen und dauerhaft zu speichern, eine enorm wertvolle Dienstleistung.
Sustainable Finance: Kapital als Hebel für den Wandel
Der Finanzplatz Schweiz verfügt über die grösste Hebelwirkung unseres Landes. Wir müssen den Finanzplatz konsequent zum weltweit führenden Hub für Transition Finance weiterentwickeln. Indem wir Kapitalströme gezielt in resiliente Technologien und klimafreundliche Innovationen lenken, sichern wir nicht nur die Renditen der Zukunft, sondern gestalten die globale Wirtschaft aktiv mit. Mit Venture Capital und Private Equity haben wir die richtigen Instrumente dazu. Was es braucht, ist viel mehr institutionelles Kapital. Der Anteil, den Pensionskassen in diese Anlageklassen investieren, ist im internationalen Umfeld enorm klein. Damit entgehen Handlungsspielraum, aber auch Rendite.
Mut zur Gestaltung statt Angst vor dem Wandel
Die anfänglich beschriebene Zeitenwende ist kein Schicksal, dem wir passiv ausgeliefert sind. Sie ist ein Weckruf. Die Schweiz verfügt über das Kapital, das Wissen und die politische Stabilität, um nicht nur zu reagieren, sondern voranzugehen.
Wenn wir heute mutig in Climate & Resilience investieren, transformieren wir unsere grössten Risiken in unsere nachhaltigste Rendite. Das bedeutet konkret: Staatliche Rahmenbedingungen, die Innovationen im Rekordtempo zulassen, und ein privater Sektor, der bereit ist, langfristig zu denken, statt nur auf das nächste Quartalsergebnis zu schielen.
Hier kann die Privatwirtschaft auch voranschreiten, statt auf den Staat zu warten. Denn wir wissen, wo der Puck hingeht: In eine Welt, in der Unabhängigkeit, ökologische Ehrlichkeit und technologische Exzellenz die neue harte Währung sind. Es ist Zeit, diese Zukunft zu gestalten.
Nicht, weil es einfach ist, sondern weil die Schweiz es sich leisten kann – und weil sie es sich nicht leisten kann, es nicht zu tun.

